Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen. Psalm 38,10

„Man kann nicht genug klagen!“, so wird manchmal mit einem Augenzwinkern gesagt. Jedoch verstummt dieser kecke Satz sehr schnell, wenn es tatsächlich im Leben bitter und ernst wird. Der 38. Psalm wird von der Kirche zu den sieben Bußpsalmen gerechnet. David nimmt als erster Beter dieses Psalms den Leser mit. Er durchschreitet in diesem Gebet die dunkelsten Abgründe des Leidens, die tiefste Gottverlassenheit und unerträgliche Einsamkeit. Drei Bereiche drücken ihn zu Boden und machen ihn fertig: Krankheit, Schuld und Anfeindungen. Schwerkrank richtet er sein Gebet an Gott und klagt ihm sein Leid.

Hiermit ist schon die Antwort gegeben, ob wir Gott das klagen dürfen, was uns auf der Seele liegt. Selbstverständlich dürfen wir dem himmlischen Vater auch das Leid klagen, denn er ist „unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen, wie die lieben Kinder ihren lieben Vater“, wie Martin Luther in der Anrede zum Vaterunser erklärt. Anders verhält es sich mit der Anklage gegen Gott. Klagt der Mensch Gott an, schiebt er die Schuld von Leid und Not Gott in die Schuhe. Auf diese Weise ist der Mensch vermeintlich aus dem Schneider, denn er hat mit Gott durch seine Anklage den Schuldigen für sein Leid gefunden. Schlecht geht es dem Beter – körperlich und seelisch. Denn er weiß sich unter dem Zorn Gottes. Nicht nur seine Krankheit - vermutlich Aussatz - plagt ihn, sondern auch seine Schuld. Beides wird im Alten Testament oft zusammen gesehen.

Anders später Jesus Christus; auf die Frage der Jünger, wer denn gesündigt habe, der Blindgeborene oder seine Eltern, antwortet der Herr: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. (Johannes 9,2) Wer also mit einer Krankheit geschlagen ist, muss nicht wie selbstverständlich unabdingbar an seine Schuld denken. Gleichwohl können sich in dunklen Stunden des Lebens Gedanken den Weg in Herz und Verstand bahnen, wo man an Gott und seiner Liebe zweifelt, mancher gar zu verzweifeln droht: Bin ich von Gott geliebt und gewollt? Es sind die Anfechtungen, die alles in Frage stellen; das Leben, den Glauben, die ganze Existenz.

Nicht selten sind es zunächst äußere Ereignisse, eben wie eine schwere Krankheit, die einem das Gefühl gibt im freien Fall zu sein. Heute weiß man um die Zusammenhänge von Körper und Seele, der Psychosomatik. Gott tritt dem Beter nicht als liebender und gütiger Vater entgegen, sondern als strafender und richtender Gott, so die Wahrnehmung des Beters. Er ist niedergedrückt, weil die Sünde auf ihn lastet. Wie ein Strudel, zieht es den Beter immer tiefer nach unten. Die Schuld macht ihn fertig. Krumm und gebückt geht er traurig durch den Tag. Übermächtig erscheint sein Versagen. Es gibt keinen anderen Ausweg, als mit der Schuld zu Gott zu kommen. Und das ist exakt das, was er mit seinem Gebet macht. Seine Schuld klagt er Gott, aber es ist keine Anklage gegen ihn. Er fragt nicht anklagend nach dem Warum, sondern stellt sich über sein eigenes Versagen als Klagender vor Gott. Geschieht nun nicht eben genau das in der Beichte? Der in sich verkrümmte Mensch mit seiner Schuld und Sünde stellt sich klagend vor Gott. Klagend deshalb, weil seine Schuld ihn festhält und seine Sünde ihm vor Augen ist. Sie arbeiten in ihm. Der reuige Sünder klagt nicht über die anderen und beschwert sich, sondern er klagt über sich und sein Versagen. Ihm bekennt er seine Schuld. Bei Gott ist er mit dieser Klage an der richtigen Adresse. Wer ruft, meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld, wird dann auch den Freispruch im Namen des Dreieinigen Gottes hören: Dir sind deine Sünden vergeben. Und dann ist das so! Die Last der Sünde wird von den Schultern genommen, da sie nun der Gekreuzigte trägt. Die besondere Schwere der Schuld drückt nicht länger zu Boden, weil sie durch Kreuz und Tod des Herrn bezahlt ist; frei, weil losgekauft und ausgelöst. Das eigene Versagen wird abgelöst durch die Zusage Gottes der Vergebung.

Die Sehnsucht des Beters nach Freiheit, Gesundheit und Gemeinschaft liegt vor Gott offen. Trotz seiner Klage ist es ein Zeugnis dafür, dass Gott ihn erhören wird. Gewiss ist er, dass Gott das Flehen des Todkranken nicht verborgen ist. Auch unser Flehen und Klagen ist vor Gott nicht verborgen. Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen. Auch die Sehnsucht unseres Lebens hat der himmlische Vater auf dem Schirm. Niemand fliegt unter seinem Radar. Keiner muss meinen, er sei von Gott verlassen. Denn die Gottverlassenheit quält den Beter auch. Er wähnt sich von Gott verlassen und fleht daher um seine Gegenwart.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?, wird der Herr am Kreuz rufen. Im Kreuzestod erleidet Jesus Christus die Not der letzten Verlassenheit – verlassen von Gott und den Menschen. Christus trägt diese Verlassenheit, damit die Gottverlassenheit künftig niemand mehr erleiden muss. Gott hat sich ihm entzogen, ihm verweigert, ihm den Rücken zugekehrt. Seine Schreie verhallen ungehört. Sein Ruf geht ins leere Nichts. Hiermit hat Gott in das Geschehen von Golgatha eingriffen und macht es zum entscheidenden Ereignis aller Zeiten. Erst durch die unermessliche Gottverlassenheit tritt Christus ganz auf unsere Seite: er erleidet das, was unser Leben bestimmt und als furchtbare Katastrophe in unserem Leben zu Tage tritt: Er leidet die Gottesferne, die über den Sündern liegt. Dieser trostlose und verzweifelte Schrei Jesu am Kreuz ist für uns der Ruf, der tröstet. Weil Jesus Christus die verzweifelte Gottverlassenheit mit letzter Kraft aus seinem Leibe herausschreit, ist Gott in dunklen Tälern des Lebens mit seiner Gnade, seiner Liebe, seiner Zuwendung und seiner tröstenden Anrede da. Wer in seiner Not und Verzweiflung meint, er sei von Gott verlassen, der schaue auf das Kreuz Jesu Christi.

Dort wird sichtbar: Wer an Jesus Christus glaubt, ist nicht verlassen, sondern darf sich der Gegenwart Gottes gewiss sein. So kann der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer sogar schreiben: Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Er trägt durch diese Zeit in die Ewigkeit.


Herzliche Grüße – Ihr Pfarrer Markus Büttner

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